Freitag, 31. Januar 2014

Lange Wege

Meinem Freund Z., der gerne schon um 6.00 Uhr früh am Hütteldorfer Bahnhof steht und von dort aus die unbekannten Weiten des Wein- und Industrieviertels durchstreift, würde mein Wegpensum in den letzten beiden Tagen wahrscheinlich ein müdes Lächeln entlocken, aber ich bin rechtschaffen müde. Ich weiß nicht, wieviele Kilometer ich die letzten Tage gegangen bin, aber es waren nicht wenige und für morgen habe ich vor, mir ein Auto auszuleihen ...

Der italienische Geistliche Dom Bosco soll einen Text geschrieben haben,
in dem er quasi die Errichtung Brasilias vorher gesehen hat 
Ich hab den Text nicht gelesen, aber das Gebäude hat was

Das Leben draußen

Gehwege parallel zur Straße
Die Bundesbank

Ich hatte mir für heute nur zwei Ziele vorgenommen, das Santuario Dom Bosco und noch einmal den Congreso, um diesen auch von innen inspizieren zu können. Dazwischen bin ich durch Brasilia abseits der herkömmlichen Touristenschleifen spaziert und hab dort unter anderem sowohl eine Fußgängerunterführung (!) als auch einen Radweg (!) gesehen, ansonsten aber eine nicht unbeträchtliche Menge abgestellter Autos.

Irgendwo in Brasilia, zwischen Banken, Ministerien und anderen Gebäuden

Ein Radweg! Und ich hab sogar einen Radfahrer gesehen!



Interessant finde ich ja die Mischung aus Modernismus und Mittelalter hier. Natürlich sieht eine Stadt, die erst vor etwas mehr als 50 Jahren errichtet wurde, anders aus als eine Struktur, die über mehrere hundert oder tausend Jahre gewachsen ist. Aber wieso hat man in der Planung Brasilias die alten (und in manchen Gegenden der Welt ja nach wie vor bestehenden) funktionalen Muster übernommen? Hier die Schneider, dort die Gerber, auf Brasilia umgelegt heißt das dann: hier der Setor Ministerio, dort der Sektor der Botschaften, dann die Setores Hoteleiros, daneben die Setores Comerciales und Banceiros und so weiter. Konkret sieht das dann so aus, dass beim Weg durch den Setor Medico Hospitalar auf der einen Straßenseite ein Krankenhaus neben dem anderen steht und sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite eine Apotheke neben die andere reiht, nur unterbrochen von Verkäufern von Faschen, Krücken und anderem Krankheitszubehör. Ich muss mal schauen, ob ich etwas zu den Gründen für diese Aufteilung finde. Denn die Wege werden dadurch ja nicht unbedingt kürzer.


Eine Außenstelle des Congreso
Die Ministerien


Congreso innen
Geschenk anläßlich eines hohen Besuchs aus Indien.
Gold und Swaroski-Steine 
Ungarische Vase
Thailändischer Teller. Den US amerikanischen Teller, den Bill Clinton
mitgebracht hat, zeige ich nicht. Sowas von einfallslos.
Tunnel of Time
Ich hab nachgeschaut: kein(e) einzige(r) der 81 Senatoren hat
wirklich dunkle Haut 


Die Abgeordnetenbänke aus dem alten Parlament in Rio.
Man beachte den eingebauten Aschenbecher an jedem Platz.
Die Abgeordnetenkammer
Der Senatssitzungssaal

Her mit den Computern, weg mit den Tschick. 

Und noch in einem anderen Aspekt klingen alte Vorstellungen an: das höchste Gebäude Brasilias sind die beiden Türme des Kongresses (wobei ich mir jetzt nicht sicher bin, ob nicht der Fernsehturm noch höher ist. Aber vielleicht auch nicht, denn wozu hätte man sonst knapp außerhalb der Stadtgrenzen einen neuen Turm hinstellen müssen?) und kein Gebäude darf höher sein als diese. In ähnlicher Form gabs bei uns doch dieselbe Regelung, nur mit den Kirchtürmen.

Keine Abgeordneten weit und breit, aber überall Kameras.
Ob am Freitag nachmittag noch viel kommen wird?


Wen oder was wollen die filmen?



Der Congreso von innen hat mich nicht besonders begeistert, von außen ist er definitiv eindrucksvoller. Aber sei´s wie es sei, ich werde jetzt meine Füße hochlagern und dann bald die Äuglein schließen. Ich glaub, es war trotzdem gscheit, dass ich mir heute noch kein Auto ausgeliehen hatte, denn der Verkehr hat schon sehr freitäglich intensiv gewirkt. 

Der zentrale Busumschlagplatz
War vielleicht auch nicht zu 100% durchdacht
Viel Platz für Autos
Fußgänger sammeln sich vor dem Galopp über die Straße

Ach ja, eines war heute auch auffällig: selbst am Congreso stand keine Polizei in der Gegend herum, nur eine Sicherheitsschleuse mit privatem Sicherheitsdienst am Eingang. Pietro hat mich gestern darauf aufmerksam gemacht, als er gemeint hat, dass er sich in Buenos Aires fast sicherer fühlt als in Brasilien. Denn dort ist die Polizei sehr sichtbar und massiv präsent, während sie in Brasilien meist nicht sichtbar ist.

Mir geht es fast umgekehrt. Als er es erwähnt hatte, ist mir wieder eingefallen, wie unangenehm mir in Argentinien die massive Präsenz der Polizei aufgefallen ist. Als Mitteleuropäer ist man es ja nicht mehr gewohnt, die Polizei so aggressiv und demonstrativ auftreten zu sehen (und ich rede jetzt vom Normalzustand, nicht von dem, was ich aus den Medien zum Polizeieinsatz in Wien vergangene Woche mitbekommen habe). Im Parlament hatte ich heute den Eindruck, dass die irgendwie keine Angst haben. Find ich irgendwie sympathisch.

Brasilia

Heute war ein guter Tag, ganz nach dem Motto einer Geschichte von Freund Wolfram: wonns laafft, donn laaffts!

Erst sah es ja noch nicht danach aus. Ich hatte schlecht geschlafen, weil ich am Abend davor erst nach 22.00 Uhr (nach mehr als einer Stunde Wartezeit) etwas vom Roomservice bekommen hatte und dann ab 3.00 Uhr früh etwa alle 20 Minuten irgendwo in der Nähe ein Kühlaggregat zu scheppern und brummen begann. Wie ich dann in der Früh aus dem Fenster gesehen habe, war der Himmel wolkenverhangen und es sah nach Regen aus.

Das ist nicht von Niemeyer, aber davor gibts gute Coxhinas
Estadio

Rote Erde. Kann was.

Ich hab daraufhin den Vormittag dann damit verbracht, nach Flügen zu suchen, die nicht um 1.55 Uhr in der Früh starten oder ankommen und weniger als 300 Euro kosteten und wollte es dann schon fast wieder aufgeben, als ich auf einmal einen Flug nach Belem am mittleren Vormittag um grad einmal 70 Euro gefunden habe. Auf der brasilianischen Seite konnte ich natürlich wieder nicht buchen, und auf der internationalen Website, auf die sie mich verwiesen haben, kostete genau derselbe Flug 421 Euro. Ich wiederhole mich: die brasilianischen Fluglinien sind übelste %!“¢¶?[!!

Der Fernsehturm



Banco do Brasil

Ich bin dann nur mit geringen Hoffnungen in das Reisebüro im Hotel unten gegangen, doch siehe da: mit einem fairen Aufschlag von 40 R$ hatte ich 20 Minuten später mein Ticket in der Hand! Zu dem Zeitpunkt hatte sich dann auch schon die Sonne blicken lassen, ich habe im Shoppingcenter ums Eck eine günstige Short gefunden und bin dann zunehmend wohlgemut durch Brasilia spaziert. Ich habe erst in einer an sich weniger spektakulären Ecke begonnen, aber auch da war es schon faszinierend, die Weite und Offenheit der Stadt zu spüren und zu sehen, wie rasch sich die Perspektiven ändern, selbst wenn man zu Fuß unterwegs ist.

Nationalbibliothek

Iglu? Saturn? Nö, Museum, Niemeyer
Zehn der 20 Ministerien
Pietro hat mich u.a. darauf hingewiesen, dass bei allen wesentlichen Gebäuden
in Brasilia ein "Spiegel" in Form einer Wasserfläche eingeplant wurde. Interesting. 




Plano Piloto


Der erste Stock steht nicht auf Säulen sondern hängt von der Decke

Beim leider für Besucher geschlossenen Fernsehturm bin ich dann mit einem brasilianischen Filmstudenten ins Reden gekommen, der in Buenos Aires studiert, derzeit gerade Sommerferien hat und Reiseschnipsel für ein Uniprojekt aufgenommen hat. Wir sind dann gemeinsam weiter gezogen, bis uns beiden die Füße weh getan und mir die Birne zu brennen begonnen hat.


Catedral Metropolitana do Brasilia 





Eine exakte Kopie der Pieta
Und aufs Wesentliche wird in der Kirche auch nicht vergessen.
Billiger als vor der Tür und vermutlich auch noch mit blessings von ganz oben

Nachdem es ja nicht gerade einfach war, hierher zu kommen, war ich ja schon fast ein bissl vorsichtig, ob mir Brasilia wieder gefallen würde. Nach dem heutigen Tag kann ich sagen: es ist anders als damals knapp nach Neujahr, als die Stadt im Tiefschlaf lag (damals sah ich maximal ein Auto pro Minute, heute sinds ein bissl mehr), aber der Reiz der Stadt ist immer noch da.


Am Anfang war für jedes der 20 Ministerien-Gebäude je ein Ministerium
vorgesehen, mittlerweile werden die meisten Gebäude geteilt.
Ministerielle WGs, quasi.   
Da schau her. Hier gehts offenbar ...

Das Außenministerium. Na, Herr Klaus, wär das nix?
Congreso
Wasser auf den Mühlen des Justizministeriums 
Der Amtssitz des Präsidenten / der Präsidentin
Und, wir sind schließlich in Südamerika,
es braucht natürlich einen Balkon, von dem aus
man das Volk adressieren kann. Ich hab Pietro erzählt,
dass unser Bundesbalkon vermutlich 1955 zum letzen Mal zum Einsatz kam. 

Laut Pietro ist es auch nicht mehr so, dass Brasilia für Brasilianer immer noch ein Fremdkörper ist (vielleicht haben es ein paar Cariocas noch nicht ganz verschmerzt, nicht mehr Hauptstadt zu sein), aber ansonsten ist mittlerweile die zweite Generation von Brasilianern herangewachsen, für die Brasilia die Hauptstadt ist und für die hier geborenen und hier lebenden offenbar auch eine Stadt mit durchaus Lebensqualität.

Praca dos Tres Poderes
Den Herrn kennen wir doch 

Für mich ist es der ungebrochene Fortschrittsglaube der 50er Jahre, der aus dem Design der Stadt spricht. Fußgängerunterführungen, ein modernes öffentliches Verkehrssystem oder ähnlichen Schmonzes wird man zum Beispiel vergeblich suchen. Aber auch wenn sich die Sicht auf die Welt mittlerweile etwas geändert hat, finde ich erstaunlich, wie zeitlos die Stadt und die Gebäude immer noch wirken.

Leicht aufbrennt. Im Hintergrund entsteht ein weiteres Hotel.
Man ist schließlich im Setor Hoteleiro Norte (SHN).