Montag, 3. Februar 2014

Das süße Verrotten

Gestern hatte ich ja wie erwähnt keinen besonders guten Eindruck von Belem bekommen. Die Straßen leer und nur von Gestalten bevölkert, die mein Sicherheitsgefühl nicht wirklich angehoben haben. Das einzig Positive fand ich, dass trotz wiederkehrenden Regens die Luftfeuchtigkeit überraschend niedrig war.

Der Turm von Belem

Da mein Bus erst heute Abend um 20.00 Uhr abfährt, habe ich den Vormittag in der klimatisierten Atmosphäre des Radisson Belem verbracht und erst zum spätest möglichen Zeitpunkt ausgecheckt. Eigentlich wollte ich den restlichen Tag in einem Shopping Center verbringen, vielleicht ins Kino gehen und erst kurz vor Abfahrt des Busses am Busbahnhof sein. Doch dann hat Belem am Weg zum Mittagessen irgendwie mein Herz erobert.

Kurz vor dem Regen

Belem ist bei weitem keine Schönheit, aber die Atmosphäre, kaum dass ich aus dem Hotel draußen war, hat so etwas angenehm feuchtes, süßliches Verrottendes. Die Leute bewegen sich sehr tropisch entspannt, selbst der Autoverkehr wirkt ruhiger und deutlich relaxter als in den anderen brasilianischen Städten.



Jetzt geht draußen gerade ein heftiger tropischer Regenguss nieder und ich bin sehr froh, mir das Schauspiel vom Food Court aus hinter Glas ansehen zu können. Bis mir auf einmal die ersten Tropfen auf Kopf und Bildschirm gefallen sind - also schnell weg von der Glasfassade an einen Tisch unter dem Dach. Hier ist es wieder trocken.

Es tropft von der Decke

Also wie gesagt, irgendwie liegt etwas in dieser tropischen Atmosphäre, das mir gut gefällt. So gut, dass ich sogar wieder mit dem Gedanken gespielt habe, doch noch ein wenig länger hier im Einzugsgebiet des Amazonas zu bleiben. Aber, wie schon mehrfach erwähnt, die Transportkosten finde ich dann einfach zu hoch. Um das Geld, das mir der Flug nach und von Manaus kostet, kann ich von Europa aus locker nach Indien oder Südostasien fliegen. Insofern hoffe ich einfach, dass sich die tropische Entspanntheit auch der Küste entlang nach Süden noch erhält.




Ah ja, und der süßliche Duft in der Luft kommt meiner Vermutung nach von den Mangos (oder Früchten, die für mich pflanzenbiologischen Laien so ähnlich aussehen), die im Rinnstein liegen und dort gemütlich vor sich hinwesen.

Mucuri und Carimbó

Und nachdem der Regen jetzt seit mehr als einer Stunde unvermindert gegen die Scheiben prasselt, habe ich mir noch ein Eis geholt und beschlossen, jetzt doch ins Kino zu gehen. Für „Tarzan“ in einer Zeichentrickversion wird mein Portugiesisch wohl hoffentlich reichen („Eu Tarzan - voce Jane!“).

Cidade Velha
Die Hafengegend ist wieder ein bissl rauher
Da pack ich die Kamera immer nur kurz auch. Trotz der Polizei,
die hier recht zahlreich unterwegs ist

Das Eis war wieder sehr interessant. Heute habe ich „Mucuri“ und „Carimbó“ probiert: Mucuri hab ich zuerst für Banane gehalten, es hatte dann aber einen leicht bitteren, nicht unangenehmen Nachgeschmack, der nicht mehr bananig war. Und Carimbó war von der Konsistenz her leicht kokosnussig, geschmacklich aber irgendwie anders und weicher, ebenfalls ausgezeichnet. Eis machen könnens, die Amazonier!




B2B

Gestern habe ich mir ein Auto ausgeliehen, um mir noch jene Teile Brasilias anzusehen, die man fußläufig erst nach Mehrtagesmärschen erreichen würde. Um es kurz zu machen: wesentliche neue Erkenntnisse zu Brasilia habe ich nicht mehr gewonnen, beim Besuch des JK-Memorials (Juscelino Kubitschek war der Präsident, der Brasilia auf den Weg gebracht hat) habe ich mir ein paar Mal gedacht: ob sie dem Erwin auch einmal eine solche Huldigung zu Teil werden lassen? Am höchsten Punkt St. Pöltens, die Stadt, die er schuf, zu seinen Füßen? [Nachtrag: Ich ersuche um Verzeihung für meinen historischen Lapsus. Ich hab grad noch nachgelesen, die Hauptstadtfrage wurde schon unter Erwins Vorgänger entschieden, der schöne Slogan dazu: "Ein Land ohne Hauptstadt ist wie ein Gulasch ohne Saft." Desculpa!]

Templo da Boa Vontade 
Auch am Friedhof ist man hier mit dem Auto unterwegs
JK
JK liest und schreibt
JK schätzt Shakespeare (den Schatz im Silbersee habe ich nicht gesehen)
JK trifft sich mit Meuterern
JK sagt ihm, dass Zigarren ungesund sind (JK ist schließlich Arzt)

JK hat viele Orden
JK hat einen Gedenkstein mit der Inschrift "O Fundador".
Und rundherum roten Plüsch.
Brasilia hat eine eigene Symphonie. Ich hab mir grad was davon angehört,
Antonio Carlos Jobim wäre besser bei den Mädels von Ipanema geblieben
Museo dos Povos Indigenas. Die Ausstellung hat ein bissl hingeschludert gewirkt,
im Gebäude drin habe ich lange nicht bemerkt, dass es die ganze Zeit leicht abwärts ging. 

Gooooooooool!

Das brasilianische Fahrerlebnis war recht OK, bis auf die Tatsache, dass mein Gol eindeutig untermotorisiert war. Andererseits, einen echten Brasilianer hätte das wahrscheinlich auch nicht davon abgehalten, mit quietschenden Reifen um die Kurven zu fahren, das hat der Taxler in Blumenau mit seinem Zwutschgerl ja auch hinbekommen. In Summe war das Fahren in Hawaii aber doch etwas entspannter ...

Die bessere Gegend von Brasilia

Torre Digital. Leider gerade für Besucher geschlossen.
Links die Wildnis, rechts Brasilia

JK Bridge
Kaffee gabs hier keinen, nur eine Präsidentin


Senhor Ambassdor war wohl grad nicht da

Jetzt bin ich in Belem, nicht weit von der Mündung des Amazonas und knapp unter dem Äquator und es ist überraschend, dass es nicht wärmer und feuchter ist. Am Sonntag war die Stadt natürlich wieder ausgestorben bzw. nur von den Gestalten belebt, die man sonst vielleicht nicht so sieht. In solchen Gegenden / Situation halte ich mich dann mit dem Fotografieren ein bissl zurück.

Da die Flugpreise nach wie vor eher prohibitiv sind, werde ich nicht weiter in den Amazonas hinein nach Manaus fliegen und nach 4 Tagen in der Hängematte auf einem Flussdampfer steht mir auch nicht so der Sinn. Ich fahre stattdessen morgen mit dem Nachtbus nach Sao Luis, auf der Strecke werden des Nachts auch immer wieder Busse überfallen, für Abenteuer sollte also gesorgt sein ;-)

Brasilia aus der Luft
Was für die Sportsfreunde
So sah es wahrscheinlich früher hier überall aus


Wenn ich es mit meiner Kamera und meinem Laptop unbehelligt nach Sao Luis schaffe, solltet ihr also in zwei oder drei Tagen wieder etwas von mir hier zu lesen bekommen. Ach so, und „B2B“ heißt natürlich „Brasilia to Belem“.


Im Landeanflug auf Belem

Teatro da Paz in Belem

Am Rio Guajara. Ist ja fast schon der Amazonas




Das lokale Bräu. Fruchtig!
Stout mit Acai. Kräftig.
Das berühmte Eis aus Belem

Piranha habe ich zum Abendessen leider keinen bekommen, dafür muss man in Belem das in ganz Brasilien bekannte Eis mit Früchten aus dem Amazonas essen. Ich war bei der Auswahl natürlich vollkommen überfordert, so habe ich halt einfach auf zwei Sorten gezeigt. Eine hieß "Cupirucu" und die andere "Tabatuga" (oder so ähnlich). Cupirucu war wirklich fruchtig, Tabatuga irgendwie mit zähen, erdigen Stücken durchsetzt, beide aber sehr gschmackig!