Mein lieber Freund W. hat mir ein Zitat zukommen lassen:
„Im Fernen Osten macht man auch optisch die Erfahrung, dass die Dinge im stärkeren Maße als im Westen ineinander fließen. In den engen Einkaufsstraßen ist es nicht immer klar, wo ein Geschäft endet und wo das nächste beginnt. Oft überlappen sie sich. Auf dem [koreanischen] Markt sieht man neben Töpfen getrocknete Tintenstifte. Lippenstifte und Erdnüsse liegen nebeneinander. Röcke hängen über Reiskuchen. Das Gewirr von Strommasten, Leitungen und bunten Reklametafeln, das typisch für [japanische] Großstädte ist, lässt keine eindeutige Trennung von Räumen zu. Die alten Holzhäuser in den japanischen Hintergassen (roji) wirken ganz verschachtelt. Es ist nicht leicht zu erkennen, wo das eine Haus aufhört und wo das nächste beginnt. Diese Räumlichkeiten der In-Differenz erinnert an ein Zen-Wort: „Schnee liegt auf den Blütenrispen des Uferschilfs; schwer ist's, zu unterscheiden, wo diese anfangen und wo jener aufhört.“
(Byun-Chul Han: Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin 2007)
Indische Erfahrungen sind dabei durchaus anschlussfähig. Ich möchte zwei Beispiele des indischen Ineinander-Fließens herausgreifen.
Beispiel 1: die Straße
Wo beginnt die Straße, wo endet der Verkaufsstand? Wo ist noch Gehsteig, wo schon Abort? Wo fährt das Auto, wo die Rikscha, wo das Fahrrad - und wo geht der Fußgänger?
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| Hyderabad |
Ich habe ja auch schon einige andere Fahrerfahrungen gemacht, die nicht mit der westeuropäischen Realität übereinstimmen: mit dem Taxi in Nairobi oder Accra, wo jedes Auto möglichst viel Musik im Straßenkampf verbläst, je größer das Auto, desto schwerer der Bass und man weiß nicht so genau, was davon eigentlich wichtiger ist; in Bussen über Sandpisten durch Süd- oder Westafrika, mit Schlaglöchern, die größer als ein Durchschnittsauto und nur die Straße blockierende Ziegenherden lassen den Chauffeur auf die Bremse steigen, alles andere wird aus dem Weg gehupt; oder über eine sechsspurige Interstate in Kalifornien, an der Oberfläche mit 55 Meilen sehr gesittet, aber in jedem Handschuhfach die Vermutung einer 38er. Auch dort fließen die Sphären ineinander.
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| Old Delhi |
In Indien ist das Fließen aber, nun ja, flüssiger. Nicht unbedingt leiser, und auch definitiv nicht „geregelter“ als zB in Afrika (auch dort gilt: der Größere hat Vorrang). Aber selbst der größte Bus fährt ein bissl langsamer oder weicht ein bissl aus, damit der andere Verkehrsteilnehmer nicht zermatscht wird.
Um über eine belebte Straße zu gehen (und jede Straße ist belebt) wartet man einfach auf eine kleine Lücke und geht dann vorhersehbar von der einen Seite auf die andere. Wichtig auch hierbei: sich fließend bewegen, nicht losrennen oder stehen bleiben. Ganz schlecht.
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| Old Delhi |
Dort, wo der Gehsteig durch parkende Mopeds verstellt ist, und sich davor auf der Straße vielleicht grad ein fliegender Händler positioniert hat, und noch dazu ein Mopedfahrer auf der falschen Straßenseite daher kommt, machen alle, zu Fuß, auf dem Fahrrad, dem Moped, in der Rikscha oder im Auto, halt einen kleinen, fließenden Bogen und alles löst sich auf.
Natürlich gibt’s auch Unfälle. Heute früh stand in der Zeitung, dass in Nordindien ein mit Ziegelsteinen beladener LKW in einen Schulbus gekracht ist. Mehrere Tote, viele Verletzte, der LKW Fahrer zu Fuß geflüchtet. Aber für das, was sich dem westlichen Auge tagtäglich an Spektakel bietet, passiert erstaunlich wenig.
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| Old Delhi |
Eine Erklärung: weil alles fließt.
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| Ahmedabad |
Beispiel 2: Glaube, Kult oder Quälerei?
Ich war heute bei einem Tempel hier in Puducherry, der Ganesh, dem Elefantengott gewidmet ist. Die Besonderheit ist, dass vor dem Tempel ein echter Elefant steht (nennen wir sie „Lakshmi“, das trug sie zumindest als Taferl um den Hals), den Besucher und Besucherinnen mit Grünzeugs um 10 Rupien (naja) oder Zuckerrohr oder Bananen um 50 Rupien (mjam!) füttern können.
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| Ganesh / Lakshmi, Puducherry |
Wenn man ihr aber einen Geldschein in den Rüssel legt, reicht Lakshmi ihn an ihren menschlichen Begleiter weiter und der edle Spender / die edle Spenderin erhält als Segen von Ganesh mit dem Rüssel einen zarten Tupfer auf den Kopf. Wie wollen wir das interpretieren? Die anwesenden InderInnen scheinen das durchaus ernst zu nehmen, die ebenfalls vorbei kommenden TouristInnen nehmen´s mit einem Schuss Humor und eifrigem Kamerageklicke und von den Vier Pfoten war halt grad niemand da.
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| Warten auf Ganeshs Segen |
Erst hab ich mir gedacht, dass Lakshmi müde und traurige Augen hat. Dann hatte ich den Eindruck, dass sie das Zuckerrohr durchaus zu schätzen wußte und ihrer spirituellen Aufgabe mit einer gewissen Lässigkeit nachzukommen wußte.
Und als ich mir selbst eine Segnung geben ließ, muß ich sagen, dass ich mich danach tatsächlich ein Stück erleuchteter gefühlt habe!
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| Segnung |
Da haben wir´s wieder, das Ineinanderfließen.









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