Freitag, 8. März 2013

Mittwoch, 6. März 2013

Tamil Nadu im Regen

















Seit gestern habe ich das Gefühl, dass ich angekommen bin. Bei mir gibt´s am Anfang jeder Reise ein paar Tage, in denen ich mich noch unrund fühle und recht fremd.

So auch bis gestern Mittag. Da bin ich vom „besseren“ Hotel im ehemaligen French Quarter von Puducherry in ein günstigeres im „indischen“ Teil umgezogen. Weil das erste Hotel war zwar von außen schön und „Heritage“, drinnen haben´s aber die ganze Zeit Techno gespielt und ich hab bis 23.30 Uhr das Röhren der Küchenventilation in meinem Zimmer gespürt. Das indische Hotel kostete die Hälfte, das Zimmer war karg und hatte keine Fenster, aber irgendwie war es echt und fast schon wieder gemütlich. Ich weiß nicht, ob Mönchszellen auch diesen Charme haben, aber mir gefällt´s.

Und als ich dann am Nachmittag aus dem Hotel gegangen bin, ist es mir aufgefallen: jetzt bin ich da!

Jetzt fahre ich im Auto nach Chidambaram und es regnet. Ich sitze auf der Rückbank, vorne der Fahrer, stoisch hupend, draußen ziehen die Outskirts von Puducherry vorbei, die Gegend wird immer ländlicher. Ein bissl eigenartig komme ich mir ja vor, wie ich so in mein MacBook tippe, aber andererseits: hey, wir leben im 21. Jahrhundert! Das Indien, durch das ich fahre, ist auch nicht mehr das Indien, in dem ich im Februar 1990 zum ersten Mal war. Cool war´s schon damals, aber auch härter und anstrengender.

Ich finde das Jetzt schon sehr leiwand :-)

Dienstag, 5. März 2013

Das Ineinander fließen

Mein lieber Freund W. hat mir ein Zitat zukommen lassen: 

„Im Fernen Osten macht man auch optisch die Erfahrung, dass die Dinge im stärkeren Maße als im Westen ineinander fließen. In den engen Einkaufsstraßen ist es nicht immer klar, wo ein Geschäft endet und wo das nächste beginnt. Oft überlappen sie sich. Auf dem [koreanischen] Markt sieht man neben Töpfen getrocknete Tintenstifte. Lippenstifte und Erdnüsse liegen nebeneinander. Röcke hängen über Reiskuchen. Das Gewirr von Strommasten, Leitungen und bunten Reklametafeln, das typisch für [japanische] Großstädte ist, lässt keine eindeutige Trennung von Räumen zu. Die alten Holzhäuser in den japanischen Hintergassen (roji) wirken ganz verschachtelt. Es ist nicht leicht zu erkennen, wo das eine Haus aufhört und wo das nächste beginnt. Diese Räumlichkeiten der In-Differenz erinnert an ein Zen-Wort: „Schnee liegt auf den Blütenrispen des Uferschilfs; schwer ist's, zu unterscheiden, wo diese anfangen und wo jener aufhört.“

(Byun-Chul Han: Abwesen. Zur Kultur und Philosophie des Fernen Ostens, Berlin 2007)

Indische Erfahrungen sind dabei durchaus anschlussfähig. Ich möchte zwei Beispiele des indischen Ineinander-Fließens herausgreifen.


Beispiel 1: die Straße

Wo beginnt die Straße, wo endet der Verkaufsstand? Wo ist noch Gehsteig, wo schon Abort? Wo fährt das Auto, wo die Rikscha, wo das Fahrrad - und wo geht der Fußgänger?

Hyderabad
Ich habe ja auch schon einige andere Fahrerfahrungen gemacht, die nicht mit der westeuropäischen Realität übereinstimmen: mit dem Taxi in Nairobi oder Accra, wo jedes Auto möglichst viel Musik im Straßenkampf verbläst, je größer das Auto, desto schwerer der Bass und man weiß nicht so genau, was davon eigentlich wichtiger ist; in Bussen über Sandpisten durch Süd- oder Westafrika, mit Schlaglöchern, die größer als ein Durchschnittsauto und nur die Straße blockierende Ziegenherden lassen den Chauffeur auf die Bremse steigen, alles andere wird aus dem Weg gehupt; oder über eine sechsspurige Interstate in Kalifornien, an der Oberfläche mit 55 Meilen sehr gesittet, aber in jedem Handschuhfach die Vermutung einer 38er. Auch dort fließen die Sphären ineinander. 

Old Delhi
In Indien ist das Fließen aber, nun ja, flüssiger. Nicht unbedingt leiser, und auch definitiv nicht „geregelter“ als zB in Afrika (auch dort gilt: der Größere hat Vorrang). Aber selbst der größte Bus fährt ein bissl langsamer oder weicht ein bissl aus, damit der andere Verkehrsteilnehmer nicht zermatscht wird.

Um über eine belebte Straße zu gehen (und jede Straße ist belebt) wartet man einfach auf eine kleine Lücke und geht dann vorhersehbar von der einen Seite auf die andere. Wichtig auch hierbei: sich fließend bewegen, nicht losrennen oder stehen bleiben. Ganz schlecht. 
Old Delhi
Dort, wo der Gehsteig durch parkende Mopeds verstellt ist, und sich davor auf der Straße vielleicht grad ein fliegender Händler positioniert hat, und noch dazu ein Mopedfahrer auf der falschen Straßenseite daher kommt, machen alle, zu Fuß, auf dem Fahrrad, dem Moped, in der Rikscha oder im Auto, halt einen kleinen, fließenden Bogen und alles löst sich auf.

Natürlich gibt’s auch Unfälle. Heute früh stand in der Zeitung, dass in Nordindien ein mit Ziegelsteinen beladener LKW in einen Schulbus gekracht ist. Mehrere Tote, viele Verletzte, der LKW Fahrer zu Fuß geflüchtet. Aber für das, was sich dem westlichen Auge tagtäglich an Spektakel bietet, passiert erstaunlich wenig.

Old Delhi

Eine Erklärung: weil alles fließt.
Ahmedabad















Beispiel 2: Glaube, Kult oder Quälerei?

Ich war heute bei einem Tempel hier in Puducherry, der Ganesh, dem Elefantengott gewidmet ist. Die Besonderheit ist, dass vor dem Tempel ein echter Elefant steht (nennen wir sie „Lakshmi“, das trug sie zumindest als Taferl um den Hals), den Besucher und Besucherinnen mit Grünzeugs um 10 Rupien (naja) oder Zuckerrohr oder Bananen um 50 Rupien (mjam!) füttern können.
Ganesh / Lakshmi, Puducherry
Wenn man ihr aber einen Geldschein in den Rüssel legt, reicht Lakshmi ihn an ihren menschlichen Begleiter weiter und der edle Spender / die edle Spenderin erhält als Segen von Ganesh mit dem Rüssel einen zarten Tupfer auf den Kopf. Wie wollen wir das interpretieren? Die anwesenden InderInnen scheinen das durchaus ernst zu nehmen, die ebenfalls vorbei kommenden TouristInnen nehmen´s mit einem Schuss Humor und eifrigem Kamerageklicke und von den Vier Pfoten war halt grad niemand da.

Warten auf Ganeshs Segen
Erst hab ich mir gedacht, dass Lakshmi müde und traurige Augen hat. Dann hatte ich den Eindruck, dass sie das Zuckerrohr durchaus zu schätzen wußte und ihrer spirituellen Aufgabe mit einer gewissen Lässigkeit nachzukommen wußte. 
Segnung
Und als ich mir selbst eine Segnung geben ließ, muß ich sagen, dass ich mich danach tatsächlich ein Stück erleuchteter gefühlt habe!

Lakshmi als Ganesh, Ganesh als Lakshmi

Da haben wir´s wieder, das Ineinanderfließen.

Chennai und Mamallapuram

Gestern bin ich von Chennai über Mamallapuram nach Puducherry gefahren, anstelle vieler Worte gibt´s heute ein paar Fotos. Mir ist zu heiß!
Tempel in Chennai



A rats ass

Shore Temple, Mamallapuram


Five Rathas, Mamallapuram

Krishnas Butterball, Mamallapuram


Church of Our Lady of the Immaculate Conception, Pondicherry




Samstag, 2. März 2013

A very fine number

„This is a very fine number, Sir, is it not?“ Der Satz kommt mir in den Sinn, als ich beim nächsten SIM-Card-Verkäufer sitze. Die Telefonnummer ist nämlich tatsächlich dieselbe, die mir ein anderer Verkäufer kurz zuvor gezeigt hat. Aber der Reihe nach.

Gleich ums Eck vom Hotel ist eine große Shopping Mall und der Mann an der Rezeption hat mir bestätigt, dass ich dort eine indische SIM-Card kaufen kann. Ich marschiere also los, im Kopf das Bild der hell erleuchteten, bunt-sterilen Telekom-Shops, wie ich sie von zuhause kenne. Es stellt sich schnell heraus, dass es diese (zumindest in dieser Mall) nicht gibt und dass jene Shops, die Bilder von iPhones, Samsungs und Nokias im Schaufenster ausstellen, bei weitem nicht jenes erwartbare Angebot aufweisen, das zum Beispiel Leo, der Handyshop gleich neben meiner Wohnung in Wien, locker überbietet (Leo handelt nicht nur mit gebrauchten Handys und bunten Accessoires sondern auch mit Waschmaschinen und Kühlschränken).

Nach mehreren Anfragen, die mir negativ beschieden werden, lande ich in einem Shop, der SIM-Cards verkauft. Allerdings nur von Locomo, ich möchte aber Airtel. Airtel hat er aber nicht, Locomo sei doch auch super. Als ich auf Airtel bestehe, zieht er auf einmal doch einen Airtel-Werbefolder heraus und bedeutet er mir, mich zu setzen. Einige Minuten später kommt ein schlaksiger Typ und legt ihm wortlos zwei Airtel-PrePaid-Packerl auf die Budel. Der Verkäufer inspiziert sie und erklärt mir, dass das 2GB-Pakete für 30 Tage seien. „And look, Sir, both have very fine numbers, do they not?“ Nach einer kurzen Diskussion (ich will ja eigentlich nur 1GB), stimme ich zu (2GB kosten 6,50 Euro anstelle von 3,50 Euro für 1GB, also wurscht).

Er aktiviert sie, zeigt mir, dass sie funktionieren und wir schließen das Geschäft ab. Als es ans Zahlen geht, werden aus den 451 Rupien auf einmal 1451 Rupien. Ich bin erstaunt. Wo kommen die 1000 Rupien denn her? Er zuckt mit den Schultern. Na gut, denke ich mir, dann halt nicht.

Ein Stockwerk tiefer finde ich das nächste Geschäft (es hat sogar ein großes Airtel-Schild über der Tür). Ja, natürlich habe er Airtel und zeigt mir denselben Werbefolder wie der Verkäufer im vorangegangenen Geschäft. Ich frage, ob da noch was dazu komme, Aktivierungsgebühr oder so. Ja, 1400 Rupien, das sei „Indian Government Regulation“. Mit einem 1 GB Paket mache das dann 1655 Rupien. Ich ziehe ein Schnoferl und meine, das sei aber ein bissl viel. „OK, I can give you discount“, und tippt auf seinem Rechner herum: 1145 Rupien. Ich nicke. Er telefoniert. Als er dabei vors Geschäft geht und mit einem Typen zu reden beginnt, der sich hinter den Verkaufsartikeln des Nachbarladens versteckt, beginne ich zu verstehen. Er ist wahrscheinlich groß und schlaksig.

Der erste Verkäufer wollte noch ganz offiziell Passkopie, Kopie vom Visum und Passfoto von mir (so stehts auch im Internet geschrieben), der zweite war ob meiner Frage nach diesen Dingen eher verwirrt (und ich werde auch nichts davon heute noch benötigen). Die SIM-Karten sind „pre-activated“ und ich frage lieber nicht nach, von wem und wozu. Die +/- 1000 Rupien sind der Aufpreis dafür, dass man keine Bürokratie hat und die Karte sofort und nicht erst nach der Aktivierung verwenden kann, die unterschiedlichen Reiseberichten zufolge mehrere Stunden oder Tage dauern kann.

Ich zahle also, bekomme die SIM-Card gleich auch noch (für einen kleinen Aufpreis) auf Micro-SIM zusammengestutzt und gehe zufrieden aus dem Geschäft.

Ich schalte das Telefon ein und öffne das Emailprogramm. 17 Emails von Euch! Die 1000 Rupien sind gut angelegt :-)

2.3.2013, 6.45 Uhr, Domestic Airport, Mumbai


Die ersten Eindrücke.

Wir landen pünktlich. „Welcome to Mumbai. Local time is 5.00 am, outside temperature is 28 degrees Celsius.“ Schön!

Vor der Immigration eine Unmenge an Leuten, aber es geht flott voran. Transfer zum Domestic Terminal ist indisch, aber gut organisiert. Man fährt eine halbe Stunde gefühlterweise in Schlangenlinien quer übers Flughafengelände, zwischen parkenden Jets, schlafenden Arbeitern und seltsam düster beleuchteten Gebäuden ohne erkennbare Funktion durch. 

Der Rand des Flughafengeländes ist durch eine Mauer und meterhohen Stacheldrahtzaun gesichert. Unmittelbar dahinter beginnt ein Slum. Ich sehe in die schwach erleuchteten Innenräume und mir fallen Szenen aus dem „König von Bombay“ oder „Das Gleichgewicht der Welt“ ein. Eine Hütte in einem der Slums von Bombay zu bekommen ist dort ein Schritt in die Normalität.

Dank Irene bin ich im Besitz einiger Rupien. So kann ich mir wenigstens einen Chai und eine Flasche Wasser leisten, denn der ATM ist erst hinter dem Security Check. Danke, Irene! 

Gut, dass ich den Weiterflug nicht zu knapp gebucht habe. So habe ich jetzt zwar noch zweieinhalb Stunden Aufenthalt, aber dafür bin ich entspannt.

Die Ankunftshalle war voll von indischen Arbeitsmigranten, offenbar auf der Heimreise aus den Golfstaaten. Hier in der Abflughalle ist eine ganz andere Mischung, meist gut situierte, westlich gekleidete InderInnen, dazwischen ein paar Exoten im weißen Shalwar Kamiz und langen, grauen Bärten. Beim Eintreffen war die Halle noch ganz leer, jetzt ist sie gut gefüllt und der Lärmpegel steigt. Was eine angenehme Seite hat: damit wird das permanente, penetrante Warnpfeifen übertönt, das vorher noch alles beherrscht hat.   

Mein Magen knurrt, ich glaub ich hole mir ein Samosa :-)

Freitag, 1. März 2013

Last minute

So, das sind für einige Zeit meine letzten Minuten in Österreich :-)

Nach einem Photofinish zur Schnellbahn sitze ich jetzt am Abfluggate und in 10 Minuten geht es los nach Amman und dann weiter nach Mumbai und Chennai!

Ich habe es jetzt auch endlich geschafft, die Einladungen zu diesem Blog zu versenden, damit sind die Vorbereitungen wirklich abgeschlossen.